Luther auf der Wartburg

Gemeinde: Stadt Eisenach

Ausgabe: 31. Mai 1921

Serie: 6 Scheine

Entwurf: ???

 

 

Einheitliche Vorderseite

 

 

Ludwig Bechstein: Junker Jörg

(aus: Thüringer Sagenbuch)

 

Der heilige Ritter Georg, der Drachentödter, war der Schutzpatron des Schlosses Wartburg, der Stadt Eisenach und ihrer schönsten Kirche. Und es geschah, daß eines Abends ein Mann auf die Wartburg gebracht wurde, der kam im Geleite des Amtmanns daselbst, Hansen von Berlepsch und des Ritters Hans von Wenkheim, der im Schlosse zu Altenstein drüben vor dem Walde saß. Die beiden Edeln hatten mit reisigen Knechten den Mann gefangen genommen, als derselbe über Altenstein durch den Wald nach Waltershausen zu zu reisen im Begriff war, und hatten das gethan auf Befehl ihres Herrn des Kurfürsten von Sachsen.

 

Auf der Wartburg wurde dieser Mann in einem Zimmer des Ritterhauses gut gehalten, trug ritterlich Gewand und ein Schwert, und ward Junker Jörg geheißen. Es schien aber besagter Junker Jörg mehr ein Gelehrter, denn ein Ritter, denn er blieb in seinem Gemach, wie der gefangene Sankt Paulus zu Rom in seinem Zimmer und übersetzte als ein Drachentödter mit dem Schwerte des Geistes die dem Volke von der römischen Klerisei vorenthaltene Bibel, das Wort Gottes, in die deutsche Sprache. Dabei machte ihm der Teufel, wie die Sage geht, allerlei Spuk und Gerümpel, rappelte in einem Sacke mit Nüssen, aber der gelehrte Ritter kehrte sich nicht dran und sprach: Bist Du's, so sei es! Einmal aber umsummsete der Teufel den eifrig seiner Arbeit obliegenden Junker Jörg in Gestalt einer großen Brummfliege allzusehr, so daß dieser zornig ward und sein Tintenfaß nach ihm warf. Davon wurde an der Wand nächst dem Ofen/ ein großer Flecken, der immer wieder zum Vorschein kam, so oft man auch die Wand überstrich, und am Ende wollten viele davon etwas zum Andenken mitnehmen, und bröckelten den Kalk ab, und da ist zuletzt aus dem Fleck ein Loch geworden.

 

Dem frommen und fleißigen Junker Jörg wurde ein ehrbarer Knecht, ein verschwiegener Reitersmann, beigegeben, der, wenn der Junker einmal ausritt, mit ihm ritt, und dessen treue reiterische Einreden und Verwarnungen der Junker hernachmals oft rühmte, weil ihm der Reiter verbot, in Herbergen, sobald er dahin kam, sein Schwert abzulegen und alsbald über die Bücher zu laufen – damit man ihm nicht gleich den Schreiber und Gelehrten ansehe. So ist der Junker da und dort hingekommen zu seinen Freunden, unter andern nach Marksuhla, und haben ihn in seiner ritterlichen Verkleidung und seinem starken Barte nicht erkannt. Im Kloster Reinhardsbrunn aber erkannte ihn ein Conventuale, und wollte das weiter sagen, da drängte der Reiter zum Aufbruch und gab vor, sein Junker müsse Abends bei angestellter Verhandlung sein, und brachen beide eilends auf und zogen auf Schloß Wartburg. Als aber in Wittenberg und andern Orten die Rott- und Schwarmgeister sich aufrüttelten, und der Thomas Münzerische und der Bauernaufruhr losbrachen, da hielt es den Junker Jörg nicht mehr in der stillen Wartburgzelle, sondern erhob sich eilend gen Wittenberg, und kämpfte auch gegen jene gräulichen Drachen ritterlich und beharrlich, und war wieder, der er zuvor gewesen: Doctor Martin Luther. (I S. 212/3)